top of page

Yoga und dein Gehirn

Welchen Effekt hat eine regelmäßige Yoga Praxis auf unser Gehirn?

Dr. Svenja Borchers hat sich intensiv mit diesem Thema befasst. Sie hat Cognitive Science im Bachelor und Neural & Behavioural Sciences im Master studiert. Anschließend im Bereich Neuropsychologie promoviert und zahlreiche Yoga Ausbildungen absolviert. Ihr Buch „Der Yoga Effekt“ hat mir viele neue Aspekte zwischen der Yoga Praxis und den Einfluss auf unser Gehirn gezeigt.


Deshalb freue ich mich sehr, dass Svenja sich bereit erklärt hat mir ein paar Fragen zu diesem Thema zu beantworten.


Woher kommt dein Interesse, dich näher mit dem Zusammenhang zwischen Neurologie und achtsamer Körperpraxis zu beschäftigen?


Ich praktiziere und unterrichte seit vielen Jahren Yoga und habe im Laufe der Zeit gespürt, wie sich mein Körpergefühl stetig anpasst und auch mental viele Themen angestoßen werden. Da ich Neurowissenschaften studiert und im Bereich der Neuropsychologie promoviert habe, ist mir schnell bewusst geworden, wie sehr unsere Yogapraxis natürlich auch durch unser Gehirn bestimmt ist. In der Regel wird im Yogaunterricht sehr stark auf Anatomie und Faszien geschaut. Unseren Körper können wir allerdings nur fühlen und bewegen, weil dieser in unserem Gehirn repräsentiert ist. Körper und Gehirn haben sich zusammen entwickelt, prägen sich Tag für Tag weiter gemeinsam aus und können daher nicht getrennt voneinander funktionieren.


Yoga hat einen direkten Effekt auf Strukturen und Netzwerke in unserem Gehirn. Ist etwas davon wirklich wissenschaftlich bewiesen?


Ja, es gibt tatsächlich einige Studien zu den Effekten der Yogapraxis auf unser Gehirn. Da unser Gehirn in Form von Netzwerken funktioniert und keine Region alleine arbeitet, ist davon auszugehen, dass das gesamte Gehirn durch unsere Yogapraxis angesprochen wird. Dennoch werden in den Forschungsergebnissen bestimmte Areale hervorgehoben, bei denen Unterschiede zwischen Yoga-Praktizierenden und Nichtpraktizierenden gefunden wurden.


Eine Zunahme des Volumens der grauen Substanz wurde beispielsweise in einigen Bereichen des Gehirns von Yogapraktizierenden gefunden. Als graue Substanz bezeichnet man Anteile des Nervensystems, die vor allem aus Nervenzellkörpern und Unterstützungszellen besteht. Eine Zunahme des Volumens spricht daher dafür, dass es einen Zuwachs an Vernetzung an den Zellkörpern gibt bzw. diese Areale durch eine Zunahme an Unterstützungszellen gestärkt wird. Dies ist der Fall im Hippocampus, ein Bereich, der bei Gedächtnisfunktionen involviert ist, sowie in der Inselrinde, ein Areal, das für die Bewertung und Verarbeitung von verschiedenen Signalen aus dem Körper und Emotionen zuständig ist.

Bei der Amygdala wurde vielfach gefunden, dass das Volumen der grauen Substanz bei Yogapraktizierenden abgenommen hat: dies ist eine Region, in der Emotionen wie Stress und Angst verarbeitet werden.

Zudem üben wir natürlich auch durch die Asana-Praxis, also durch die körperlichen Übungen, unsere Bewegungen feiner zu steuern und kontrollieren. Wir verändern damit das Zusammenspiel der sensomotorischen Verarbeitung, also das Fühlen und Bewegen unseres Körpers und somit auch das Bild, das wir von unserem eigenen Körper haben.


Warum hat besonders Yoga diese Wirkung? Was macht Yoga besonders im Gegensatz zu anderen Sportarten?


Der Kern der Yogapraxis ist die Achtsamkeit: Wir nehmen den Körper und Atem aufmerksam wahr, steuern unsere Bewegungen achtsam und lernen neue Bewegungsabläufe. Dies erfordert eine sehr genaue Körperbeobachtung. Die bewusste Wahrnehmung unserer Körpersignale stärkt die Interozeption, unsere Innenwahrnehmung. Dies ist sicherlich eines der Stärken des Yoga. Es gibt viele Studien, die zeigen, dass vor allem die Schulung der Interozeption präventive Wirkung hinsichtlich Depressionen, Angststörungen und psychosomatischen Erkrankungen hat. Zudem bietet auch die Yogaphilosophie ein Rahmenwerk, das es erlaubt, uns selbst anzunehmen, zu entfalten und ein gesundes Verhältnis zu uns selbst und anderen Menschen zu entwickeln. Durch die Yogapraxis verstehen wir mehr und mehr, dass wir eine aktive, gestalterische Rolle in unserem Leben einnehmen und selbst Verantwortung für uns übernehmen müssen. Wer dies im Kern realisiert, versteht, dass dies ein Geschenk ist, das unendlich viel Potenzial eröffnet.


In deinem Buch: "Der Yoga Effekt” beschreibst du das Gehirn als CEO. Kannst du näher erklären, was du damit meinst?


Der CEO ist der Chef/die Chefin eines Unternehmens und bedeutet ausgeschrieben „Chief Executive Officer“. Es ist im klassischen Sinne der oder diejenige, der/die Entscheidungen trifft und die Verantwortung trägt. Genau das ist die Rolle unseres Gehirns: Es bewertet in jeder Sekunde, ob die Signale, die es erhält eine Relevanz für unsere Sicherheit haben, auch wenn wir uns dessen oftmals gar nicht bewusst sind. Auf dieser Basis entscheidet das Gehirn, was wir als nächstes tun bzw. wie es unseren Körper steuert. Ganz bildhaft kennen die meisten von uns Situationen, die uns Angst einjagen (man denke an Höhenangst oder ein Schreckmoment im Straßenverkehr) und im nächsten Moment nimmt man die wackeligen Knie oder zittrigen Beine wahr. Das ist ein Schutzmechanismus unseres Gehirns, denn es will uns schützen. Mit wackeligen Knien werden wir wahrscheinlich nicht höher auf den Turm hinaufsteigen. Auch wenn dies in dem beschriebenen Beispiel wahrscheinlich keine realistische Gefahr ist, so versucht unser Gehirn uns immer in jedem Moment zu schützen und unser Überleben zu sichern. Das ist die Verantwortung des CEO’s: Gefahren einschätzen und die wichtigen Entscheidungen treffen, die das Überleben des Unternehmens am Markt sichern.


Wenn du deine Yoga Praxis jetzt nochmal starten würdest, was würdest du anders machen?


Ich glaube, dass keine Erfahrung, die wir im Laufe unseres Lebens gemacht haben, umsonst war. Natürlich sind nicht alle Erfahrungen gut und schön gewesen und ich könnte sagen, dass ich mir beispielsweise die eine oder andere Verletzung hätte sparen können, aber wir dürfen nicht vergessen, dass dies alles Erfahrungen sind, aus denen wir lernen. Wenn ich auf meinem Weg etwas anders gemacht hätte, wäre ich heute nicht, wo ich bin. Beispielsweise hatte ich im Laufe meiner Yogapraxis chronische Schulterschmerzen entwickelt. Diese haben mich allerdings zu einem Yoga-Stil geführt, für den ich heute unglaublich dankbar bin. Und vielleicht wäre ich demgegenüber nicht so offen gewesen, hätte ich keine Beschwerden gehabt.


Wieso würdest du Yoga bei neurologischen betroffenen Patienten empfehlen?


Ich würde Yoga tatsächlich jedem empfehlen. Die Yogapraxis ist so anpassbar, so dass sie auch bei jeglichen Einschränkungen möglich ist. Vor allem aber, wenn wir Beschwerden haben und auch mental durch schwierige Zeiten gehen, kann uns Yoga von innen stärken und erden. Die körperliche Praxis und die Herausforderung der Übungen stimulieren unser Gehirn und lassen unsere Bewegungssteuerung verbessern. Dabei ist es wichtig, zu verstehen, dass unser Gehirn ein Leben lang lernen kann und sich dem anpasst, wie wir es fordern. Es ist also auch nie zu spät, mit Yoga zu beginnen.

 

Liebe Svenja, vielen Dank für diese interessanten Einblicke!


Falls du mehr über die Arbeit von Dr. Svenja Borchers erfahren möchtest, empfehle ich dir ihr Buch. Oder schau auf ihrer Website vorbei.


Comments


bottom of page